Der impressionist

Morgens holt Karl Pinsel und Farbe aus seinem Schließfach, füllt das Marmeladenglas mit Wasser auf und setzt sich auf einen der Plastikhocker in der Halle. Sorgfältig tupft er den Baum, den Fluss und die Wasserspiegelungen auf die Leinwand. Als das Bild am Abend fertig gestellt ist, betrachtet er stolz sein Werk. Es wird vom Aufpasser eingesammelt und auf den Stapel zu den anderen identischen Bildern gelegt. Gemeinsam verlassen alle Arbeiter die Halle und begeben sich in ihre Schlafsäle neben der Fabrik. Karl hatte mal gehört, dass die Bilder in die Stadt gebracht und mit großen Nägeln vor die Löcher in den Wänden gehämmert werden, um den Blick zur hässlichen Außenwelt zu verhüllen, und plötzlich schmücken impressionistisch getupfte Landschaften die Wände. Wenn nachts der Sturm kommt, werden die Bilder zerstört und, wie damals die Blätter, weggeweht. Am Tag danach kommt eine neue Lieferung und jeder kann sich wieder seinen gewohnten Tätigkeiten widmen. Einmal hatte Karl die Gelegenheit kurz mit Einem zu plaudern, der die Bilder von der Fabrik in die Stadt fährt. Es ist unvorstellbar wie gut es den Leuten dort geht. Sie leben in Palästen, geschützt vor allem. Sie können sich selbst aussuchen, wann sie aufstehen, was sie essen und welche Arbeit sie dann verrichten. Sie haben sogar einen Raum, den nennen sie den Reiseraum, da werden bewegte Bilder an die Wand projiziert. Sie sind schöner als die Außenwelt. Du kannst sein, wer du willst und auch deine Meinung ändern. Seitdem träumt Karl jede Nacht von einer Reise in die Stadt.

An einem Tag sitzt Karl mit seiner Leinwand neben dem großen Haufen fertiger Landschaften. Dem Aufpasser geht es nicht gut. Sie sollen doch selbst die Bilder heute einsammeln und auf den Haufen legen. Karl ist sehr schmächtig. So klein, dass man mich kaum sieht, wenn ich zwischen den Leinwänden liege, denkt er sich. Als keiner schaut, schiebt er seinen Körper geschwind zwischen zwei Holzrahmen. Durch einen Spalt kann Karl die brachen Felder und ausgestorbenen Dörfer vorbei fliegen sehen. Sie halten an. Es ist so still. Nur die aufgehende Sonne ist zu hören. Karl hält die Luft an. Der Haufen wird abgeladen und die Motorengeräusche entfernen sich. Vorsichtig drückt er die Last von sich. Die feuchte Farbe hat sich abgedrückt und ein Regenbogen schmückt Karls braunen Arbeitskittel. Da steht er. Zwischen zyklopischen Wolkenkratzern. Hintereinander starr aufgereiht. Eine Leinwand über der anderen. Eine Landschaft über der anderen. Nur ist ihre Farbigkeit nicht mehr anwesend. Sie wird von der Gewalt der Türme verdeckt. Oben durchstechen sie die graue Wolkenwand und verschwinden in der Unendlichkeit. Kein Eingang. Keine Tür. Die tote Stadt, aus einem Fundus gestapelter Täuschungen, verschlingt Karl und nicht einmal der Regenbogen bleibt zurück.

Am Tag danach holt Karl Pinsel und Farbe aus seinem Schließfach. Expressiv malt er einen blauen Baum, einen grünen Himmel und einen braunen Fluss. Ein anderer Arbeiter beugt sich erstaunt zu ihm hinüber. Karl zuckt mit den Schultern. Die wissen doch sowieso nicht mehr, wie die Realität aussieht.


“I am Sophie”
Alle zeigen mit dem Finger auf mich und fangen lauthals an zu lachen. Ich lache auch. Wie komisch, oder? “I am Erika”. Ich halte meinen Bauch fest und drücke unregelmäßig Luft aus der oberen Hälfte meines Körper. Meine Stimmbänder schwingen und krächzende Laute entweichen. Ein “Ha Ha Ha” von rechts, ein schüchternes “Hi Hi Hi” von vorne. Ein Mann schlägt seine Arme in die Luft und lässt sich auf den Boden fallen. Hat der gerade gegrunzt?

Rund fünfzehn mal wird das wiederholt. Ein gemeinschaftliches Miteinander und ein gemeinschaftliches Übereinander. Fröhlich und Sarkastisch. Genau nach meinem Geschmack.

“Name ist Schall und Rauch” sagte, nach Goethe, Faust zum Gretchen. Und so wird auch das Lachen zu Schall und Rauch. Die Äußerung Mein Name ist Sophie ist ja schon komisch genug. Da kann man ja nur lachen. Aber ich bin Sophie zu rufen. Das ist wirklich lustig. Man kann doch nicht sein Name sein. Wie irrsinnig. Kann man das anfassen? Wie sieht das aus?

Nomes es omen, oder? Der Name ist eine Vorbedeutung. Ein Omen. Ich wurde nach einer Prinzessin benannt. Bin trotzdem keine Prinzessin geworden. So fühle ich mich im Moment zumindest nicht. Ein Fluss aus Schweiß sucht sich seinen Weg durch das von meinen Brüsten umrandete Tal. Ich kann nicht mehr. Tränen laufen meine Wangenknochen entlang und platschen auf den Boden. Charly Chaplin meinte schon: Ein Tag ohne Lachen ist ein verlorener Tag. Das ist ja auch das Einzige, was uns vom Tier unterscheidet. Das natürliche Kokain. Und dafür muss man nicht mal zahlen. Frei und überall erhältlich und dann hilfts nicht nur dem Gemüt, sondern auch dem Körper. In Lachclubs kann man seine Endorphindroge mitnehmen und mitteilen. Die Workshopleiterin klatscht dreimal in die Hände. Ein Zeichen, um uns aus dem Stadium der erzeugten Fröhlichkeit wieder in die knallharte Realität zurück zu holen. "Fake it, until you make it" Nach einer kurzen Erklärung beginnt die nächste Runde. Neue Runde neues Glück. Fünfzehn Minuten lachtherapeutischer Kladderadatsch. Risiken und Nebenwirkungen sind nicht bekannt. Wenn sie nicht mehr können, werden sie gekitzelt. Immer noch beschäftigt mich die These nicht mein Name zu sein und wenn ich nicht mein Name bin, was bin ich denn dann? Was haben wir, wenn wir nicht unser Name sind? Wir haben unser lachen. Das bleibt, wenn man es denn so will.

Also leben wir fröhlich nach dem Motto:

Fröhlich wie ein Kind beim strullern, sollst du durch das Leben kullern.

DU BIST NICHT DEIN NAME


JEROME

Jerome kneift die Augen zusammen. Alles ist schwarz. Langsam entstehen weiße Lichtpunkte am Ende eines dunklen Tunnels. Sie werden quadratischer und bleiben in unterschiedlichen Intensitäten stehen. Schwarz und weiß voneinander abgehoben, erkennt er nun die tristen Formen der Straße und die dunklen Silhouetten zweier Gestalten. Die Umrisse durchstechen die geraden Linien des grauen Asphalts, der lang geschwungenen Autos und des Warenhauses im Hintergrund. Aufgestellt, wie zwei Laternen, gaffen sie durch das Glas auf Jerome. Ihre Blicke, dessen ist er sich sicher, bohren durch seine Eingeweide, sodass ihm schlecht wird. Einer der Beiden wartet weiter hinten. Der traut sich nicht einmal an die Glasscheibe. Es kommt selten vor, dass die Leute nah herantreten. Dann versucht Jerome immer seine Hand weit auszustrecken. Vergebens. Ihn und die Freiheit trennt eine hochpolierte Sicherheitsscheibe, ein dunkler Gang und eine zweite Scheibe. Wenn die Sonne richtig steht, machen sich die Leute in ihrem Spiegelbild zurecht. Und plötzlich sehen sie die Gestalt dahinter.

Manche sind neugierig und andere rennen erschrocken davon. Ein Mann steht nah an der Scheibe. In seinem schwarzen Umriss sieht Jerome seine eigene Reflexion. Woher diese Haut, diese Augen und die andersartigen Gliedmaßen kommen, weiß er nicht. Er weiß auch nicht, was seine Herkunft ist. Auf jeden Fall ist er nicht von dieser Welt. Trotzig haut er mit der Faust gegen die Glasscheibe, als könne er damit sein Spiegelbild zerstören. Manchmal wird ihm ganz heiß und seine Organe fangen an im Kreis zu wirbeln. Dann entwickelt sich diese Wut wieder zu einem Schütteln und Jerome drückt verzweifelt seine Stirn gegen das Glas. Die einzige äußerliche Wärme, die er zu spüren bekommt, ist die der hellen Scheinwerfer in seiner Zelle, die den Raum in ein kaltes Blassweiß hüllen.

Jerome hat einen Vater. Er nennt ihn zumindest so. Er war nie besonders väterlich, aber nur so kannte er es. Sie sind viel umhergereist und haben viele Städte besucht. Die meiste Zeit verbrachte Jerome alleine in einem kleinen Wohnwagen zwischen alten Plastikmöbeln, einer kleinen Küchenzeile und einer mit dreckigem Blümchenstoff überzogenen Holzbank. Tagsüber durfte er nie raus und nachts nur, wenn es keine Vorstellung gab. Er wolle ihn nur schützen, sagte der Vater immer wieder, andere könnten das nicht verstehen. Jerome sah aber keinen Unterschied zwischen sich und den Anderen im Zirkus. Dem großen grauen Rüsseltier schenkten sie doch auch Beifall. Entfernte "Ahs" und "Ohs" konnte er durch den Spalt in der Tür vernehmen. Es geschah zu der Zeit, als ein schwarzer Pastor einen großen Traum hatte, dass sein Vater sagte, die Menschen seien nun bereit für ihn. Mehrere Monate nahm die Vorbereitung in Anspruch, bis schließlich jener Abend kam. Jerome durfte Teil der Vorstellung sein. Er war so unglaublich aufgeregt. Das ganze Zelt war ausverkauft. Die ersten Reihen waren mit Menschen gefüllt, die verkrampft blitzende Objekte umklammerten, die Marschkapelle blies und trommelte ihre Seele in den Saal. Der Staub wirbelte orkanartig durch die kreisrunde Arena. Die blau-weiß gestreiften Wände der Zirkusarena vibrierten im Takt der Trommeln. Essensverkäufer versuchten die Menge zu übertönen, um ihren Vorrat vor der nächsten Pause loszuwerden. Junge Frauen mit gepunkteten Kleidchen drehten sich um ihre eigene Achse und griffen sich dabei in ihre hübsch hergerichteten Haare. Geschleckte Männer entleerten ihre Lungen vom Zigarrenrauch und warben um die Aufmerksamkeit der Damen. Die Masse brüllte, klatschte und schrie. Es war atemberaubend. Der Vorhang öffnete sich und Jerome wurde von seinem Vater auf die Tribüne geschubst. Schlagartig stoppte die Kapelle, die erste Reihe kam hinter ihren Objekten hervor, die Masse verstummte. Entfernt hörte man nur die Rüsseltiere ihre alltäglichen Dialoge führen. Jerome meint, dass sogar die Staubkörner Inne hielten und ihn ansahen.

In der weißen Zelle, die ihn vor den Menschen schützen soll, so sagte man zumindest, gibt es keinen Staub. Es gibt auch keine Rüsseltiere und keine Marschkapelle. Selten kommen welche mit den blitzenden Objekten. Flüchtig drücken sie die Knöpfe und kehren dann auch nie wieder zurück. Alle paar Sonnenumläufe besucht ihn sein Vater und presst seine fleischigen, runzligen Hände gegen das Glas.

Die Sonne verschwindet hinter einer Wolke. Nun erkennt Jerome diese runzlige Hand von dem Mann vorne auf der anderen Seite der Scheibe. Sein Vater sieht heute anders aus. Er hat sich zurecht gemacht. Das tat er bis vor seiner letzten Zirkusvorstellung auch. Nun erkennt Jerome auch die andere Gestalt im Hintergrund. Sie scheinen zusammen zu gehören. Sein Vater nickt dem anderen Mann zu. Die Form seiner Mundwinkel erinnern Jerome an die Mondsichelmünder der Menschen in der Arena damals. Zögernd legt Jerome seine Hand auf das Glas. Nun trennt die beiden nur noch die breite Luftschicht zwischen den Gläsern. Er drückt kräftiger in der Hoffnung seinen Vater festhalten zu können. Flehend schaut er ihn an. Schuldbewusst senkt sein Vater den Kopf. Die Wolke gibt der Sonne wieder Raum zum Strahlen und sein Vater wendet sich ab. Er verschwindet als Silhouette in einem parkenden Auto und fährt davon. Das Einzige, was Jerome bleibt, ist der feuchte Handabdruck auf der Glasscheibe. Aber auch dieser wird bald verschwinden.


Ein Hoch auf uns

„Jung, Hip, Weiß und Heterosexuell“ so beschrieb mir letztens eine Freundin ihren sozialen Kreis. Klar gibt es Ausnahmen. Aber Ausnahmen bestätigen ja bekanntlich die Regel. Aber wir sind weltoffen, multikulturell und wollen was im sozialen Bereich machen - oder zum Film oder zum Theater. Aber alle wollen was bewirken. Jeder will etwas beitragen. Ich fange mal an mit Mülltrennen. Das reicht vielleicht auch fürs Erste. Wenn man dazu noch auf Fleisch verzichtet, hat man vielleicht auch schon seinen Beitrag zur Gesellschaft geleistet. N bisschen weniger Plastik und ne Ökobox aus regionalem Anbau wäre noch gut. Vielleicht streiche ich mein Zimmer noch mit den Bio-Farben von Obi. Und dann? Dann wähle ich noch die Linke. Hauptsache was Extremes. Flüchtlinge rein, Nazis raus. In meinen Semesterferien gehe ich dann noch reisen. Irgendwo ganz weit weg, damit ich dem gesellschaftlichen Druck von der Großstadtblase und der Hauptsache-Akademiker-Titel-Generation entfliehen kann. Und dann? Dann bin ich weltoffen und multikulturell und mache Party mit Amerikanern an der Costa del Sol. Und wenn ich davon genug habe, dann gehe ich wieder zurück zu meinen jungen, hippen, weißen Freunden, um ein bisschen Geld zu verdienen und suhle mich in der Misere des Fernwehs. Dort, wo auch immer ich war, ist alles besser. Aber sobald ich wieder ein paar sinnlose Zeitjobs erledigt habe, die faktisch die Welt nicht zu einem besseren Ort machen, bin ich wieder weg. Auf einem neuen Trip durch die illusorischen Welten meiner Selbstfindungsfehde. Kann doch nicht sein, dass hier auf den Straßen keiner den Müll wegräumt. Bevor ich mir aber selbst die Hände schmutzig mache, melde ich mich beim Yoga-Kurs im Ayurvedisch-Veganen-Sustainable-Fairtrade-Hostel an. Hier wird auch ganz fleißig der Müll getrennt. Dann trinke ich Schnaps mit ein paar anderen Jungen und Hippen und Weißen und Heterosexuellen und konferiere wie spießbürgerlich und intolerant der Rest der Welt doch ist und dass man unbedingt was tun soll. „Ein Hoch auf uns“ brüllt ein angeheiterter Deutscher. Ich hebe mein Glas und stimme auf Andreas Bourani ein.

Und das bin ich. Jung, hip, weiß und heterosexuell. Einbetoniert in den vier Wänden meiner Kreuzberger Fertigteilhaus Wohnung, sitze ich an meinem Fenster und vermerke gedankliche Gutachten über die Flanierenden. Da könnt ich genauso gut die falsch parkenden Autos aufschreiben, es aber nicht melden. Oder besser noch, mich einfach selbst in die verbotenen Zonen stellen. Eine motivierte Weltverbesserin mit fehlender Motivation? Aber es ist auch die Zeit der unzählbaren Möglichkeiten. Wohin mit den ganzen Ideen? Zu viel Raum, um sich fest zu leben und zu wenig Zeit, um sich festzulegen. Dabei heißt es doch, dass wir genau die sind, die die Welt noch retten können. Wer sind wir, die sich erlauben zu verurteilen. Aus mit dem Philosophieren, raus mit den Gedanken. Lasst sie frei und tätig werden.